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balaton-service.info - Das Forum für Ungarn / Sehenswertes, Kultur, Kneipenführer / K u l t u r / "Leidenschaft":Fest der Sinne
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icon01.gif "Leidenschaft":Fest der Sinne - 17.03.2008, 20:34:35

816 Posts - Einbürgerungswilliger
leben u. leben lassen
Von Gergely Kispál
Montag, 17. März 2008
"Leidenschaft“: Fest der Sinne

Am 8. März feierte der Ballettabend ,,Szenvedély“ (,,Leidenschaft“) in der Ungarischen Staatsoper Premiere. Der ungewöhnliche Abend besteht aus drei kurzen, nicht ganz einstündigen Einaktern, für die die drei derzeit herausragendsten ungarischen Choreographen verantwortlich zeichnen: Yvette Bozsik, Antal Fodor und Iván Markó.
Leidenschaft“ heißt das gemeinsame Thema, das die drei Künstler jeweils aus einem sehr eigenen Blickwinkel angehen. Den Anfang macht die Dame, und Yvette Bozsik, die seit 15 Jahren sehr erfolgreich mit ihrer eigenen Compagnie arbeitet, legt einen eher misslungenen Einstand beim Staatlichen Ballett hin. Ihre Choreographie ,,Hochzeit“ zu Igor Strawinskis atemlosem Chorwerk ,,Les Noces“ bleibt mit der betont ästhetischen, ganz in rot, schwarz und weiß gehaltenen Ausstattung (Bühne: Zsolt Khell, Kostüme: Rita Velich) zumeist an der Oberfläche der Thematik. Über weite Strecken des Stücks wirken Bozsiks Bilder merkwürdig stumpf. Zu diesem Eindruck passt auch die Vorstellung der Tänzer: Das Corps und die Solisten tanzen zwar technisch hervorragend, scheinen aber darüber hinaus nicht viel mit dem Abend zu tun zu haben. Eine wohltuende Ausnahme ist Orsolya Gáspár als ,,Mutter“, die ihr Solo mit großer Intensität und echter Haltung bewältigt.



Psychologie und Menschlichkeit

Nach dem freundlichen Applaus ist Antal Fodor, langjähriger Hauschoreograph des Staatlichen Balletts an der Reihe. Mit ,,A nő hétszer“ (,,Siebenmal Frau“) stellte er ein zeitgemäßes Versuchslabor über weibliche Stereotypen zur Schau und schafft damit etwas ganz Wunderbares: Die nachvollziehbare Übersetzung innerer Zustände in Ballett. Fodor lässt seine zentrale Figur, den ,,Jungen“ (Roland Liebich), durch fünf Begegnungen mit unterschiedlichen Frauentypen taumeln. Beispielhaft sei hier die herrlich absurde Hochzeitsszene erwähnt. Zu einer verzerrten Version von Mendelssohns ,,Hochzeitsmarsch“ (Musik: István Márta) scheint die Zweierbeziehung mit der ,,Braut“ (Judit Varga) zunächst leidlich gut zu klappen. Aber es sind vor allem die wunderbar dämlichen Brauteltern, die sich von ganzem Herzen über diese Heirat freuen – so sehr, dass der Junge schließlich mit dem Vater um die Braut kämpfen muss. Hier tritt Fodors Intention deutlich zum Vorschein: Der stilisierten Kunstform Ballett eine psychologische Dimension zu geben.

Nach einem Abstecher in die Unterwelt des Meeres, wo aber Liebesgöttin ,,Venus“ (Marianna Barabás) unerreichbar bleibt, scheint die Rettung für den Jungen gekommen. Gleichsam aus den Archiven der Staatsoper taucht der richtige ,,Schwan“ (Krisztina Pazár) aus ,,Schwanensee“ auf und umschwebt den unbeholfen-kecken Tollpatsch, der sich sogar zum Versuch hinreißen lässt, mit dem Schwan mitzutanzen, was für herzliche Lacher im Publikum sorgt. Und Fodor treibt die Groteske noch weiter: Unvermittelt tauchen drei echte Rocker mit drei echten Harleys auf der Bühne des Opernhauses auf, der Schwan steigt kurzerhand auf einen Soziussitz und donnert davon. Zum Schluss bleibt der Junge allein, gefangen hinter dem Stacheldraht der Diskrepanz zwischen seinen Gefühlen und den Erwartungen von Außen. Und nur hier, jenseits von vorgefertigten Frauen- und Männerbildern, ist es ihm möglich, einer echten Partnerin (Dóra Deák) zu begegnen. Fodors Choreographie lässt die hochstilisierte Kunstform Ballett in einem zutiefst menschlichen Licht erscheinen. Das Publikum dankt es mit begeistertem Applaus.



Tolle Ensembleleistung

Den Schlusspunkt des Abends setzt dann Iván Markó, der seine Karriere in der Compagnie des kürzlich verstorbenen Maurice Béjart begann. Bei seiner Rückkehr nach Ungarn 1979 schuf er für eine Abschlussklasse der Tanzhochschule ,,A nap szerettei“ (,,Geliebte der Sonne“). Dieser Einakter ist nun, nach 29 Jahren, wieder im Budapester Opernhaus zu sehen. Die Ästhetik ist wohl ein wenig überholt, aber der Betrachter bekommt eine Ahnung davon, was diese Aufführung vor beinahe dreißig Jahren bewirkt haben mag. Und nicht zuletzt besticht das Ensemble durch eine durchgehend großartige Leistung, mit Levente Bajári als ,,Sonne“ an der Spitze – eine Rolle, die Markó in der Originalchoreographie selbst tanzte. Am Schluss lässt sich Iván Markó inmitten seines Ensembles vom Publikum feiern, das den großen Choreographen gebührend würdigt. Kein Zweifel: ,,Szenvedély“ ist eine kurzweilige, sehenswerte Schau zeitgenössischen ungarischen Ballettschaffens.

Weitere Aufführungen gibt es am 20., 23. und 27. März.

Quelle:http://www.budapester-zeitung.de/index.php?option=com_content&task=view&id
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