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Gast | Eine humorvolle Einleitung in die ersten ungarischen Wörter, unter Beleuchtung einiger interessanter grammatikalischer Aspekte des Ungarischen. Ungarische Ungereimtheiten Das Wort für Nerv ist in allen europäischen Sprachen gleich: überall entspringt es aus der gleichen griechischen Bogensehne. Um die "Nerven" zu verlieren, muß man die Grenze Ungarns überschreiten. Dort heißen sie ideg. Das wäre vielleicht nicht so erschütternd, wenn die Sprache der Eingeborenen - deren Aussehen durchaus europäisch ist - in fremdartigen Lettern geschrieben wäre, aber das ist nicht der Fall: Die Buchstaben erscheinen dem lateinischen Alphabet entnommen. Inseln, auf denen der Europawanderer den indogermanischen Boden verliert, sind selten: weltverlorene Basken, frierende Lappen bewohnen solche Gebiete. Im Vergleich zu ihren Sprachen sind die rätselhaften Worte der Kelten in Schottland und der Bretagne, der letzten zehn Mansprechenden auf der Insel Man, der Illyrier in Albanien gar nicht so geheimnisvoll. Ein Satz wie: "Ich habe ein Haus" enthält auch in diesen Geheimsprachen ein Wort für "ich", ein Zeitwort "haben" und ein Hauptwort im Akkusativ, und es erscheint dem Indoeuropäer undenkbar, was man an einem so einfachen Satz ändern könnte, es seien denn die Buchstaben, die die Worte bilden. Das Ungarische zeigt sofort, wie naiv diese Ansicht ist. Der Satz schmilzt zu zwei Wörtern zusammen: házam van - von denen das erste nicht "Haus", sondern "mein Haus" bedeutet, da am Stamm der Laut "m" mit dem Vokal des Wortes angeleimt wurde, und van (lies: wan) bedeutet "es existiert". Wörtlich zurückübersetzt lautet der Satz: "mein Haus existiert". Der Sinn ist klar: wenn mein Haus existiert, so habe ich ein Haus. Hätte ich keines, würde es eben nicht existieren. In diesem, für mich weit weniger angenehmen Zustand würde der Satz ganz anders lauten házam nincs (lies: hasam nintsch). Nincs besteht nicht aus einem Zeitwort in der dritten Person des Indikativs und einer Negation, sondern ist ein Wort, das einfach "existiert nicht" bedeutet. Nehmen wir nun an, daß ich glücklicher Besitzer eines weißen Hauses wäre, so würde ich diese Tatsache auf indoeuropäisch in drei Begriffen mitteilen: "Das Haus ist weiß." Auf finnisch-ugrisch genügen zwei: A ház fehér (a has fähher). Das Haus "exitstiert" nicht weiß, es ist weiß . . . das Hilfszeitwort fällt weg. Jenseits der Leitha ist dieses Fehlen noch niemandem aufgefallen . . . Mit den ersten Zeilen der Einführung haben wir bereits viel sprachlich Erschütterndes gelernt. Es gibt kein "ich habe". (Das ist eine grammatikalische Tatsache, und wenn es mit Politischem zusammenfällt, so ist das reiner, gänzlich unbeabsichtigter Zufall.) Es gibt kein "ist", höchstens ein "existiert" (was wieder gewissen modernen Philosophen willkommen klingen dürfte). Wir treten in eine Sprache jenseits von Sein und Haben. Die Überraschungen sind damit nicht erschöpft. Um uns von dem einzig gelernten, aus dem Deutschen stammenden Wort nicht zu entfernen, bleiben wir beim "Haus". Die Mehrzahl von ház heißt házak. Wenn wir jetzt verraten, daß "fünf" (um ein einfaches Wort zu wählen) öt heißt, wird unser Hörer überzeugt sein, "fünf Häuser" übersetzen zu können: öt házak. Der Ausdruck wäre dem Ungarn wenn nicht unverständlich, so komisch. Házak ist schon Mehrzahl - wenn wir diese fünfmal nehmen, entsteht eine ganz andere, viel größere Häusergruppe. Das Zahlwort drückt die Mehrzahl schon so deutlich aus, daß dann die Einzahl des Hauptwortes genügt. Fünf Häuser heißen demnach: öt ház. "Ich weiß zumindest, daß der Laut ´k´ die Mehrzahl ausdrückt", wird sich der Leser trösten, der die Absicht, das Ungarische kennenzulernen, noch nicht aufgegeben hat. Wenn also "mein Haus" házam heißt, werden "meine Häuser" házamak heißen. Aber Logik, die die Vergangenheit erklärt, leuchtet weder in die Zukunft noch in fremdartige Sprachen. Die Mehrzahl der "Besitz" bedeutenden Hauptwörter wird gebildet, indem man ein "i" in das Wort einschiebt: házaim. Der mitten in das Wort eingeschaltete Buchstabe begräbt eine andere, in der indoeuropäischen Sprachwelt selbstverständliche Vorstellung: daß sich die Bedeutung des Wortes mit der Endung ändert. Das ungarische Wort ist eben mit dem lateinischen nicht zu vergleichen; vergleichbar ist es vielmehr mit einer chemischen Verbindung, in der sich irgendwo ein Radikal anlagern läßt, so daß dadurch eine ganz andere Substanz entsteht. Der Alchimist an der Donau nimmt das einfache Zeitwort csinálni (lies: tschinalni); es bedeutet "machen". Er schiebt die Gruppe tat zwischen Wurzel und Endung csináltatni und erhält "machen lassen“. Wählt er hat - csinálhatni -, so heißt das "machen können". Nimmt er dagegen gat, so heißt das entstandene Wort "ein wenig machen". In diesem Fall dürfen wir mit eiserner Logik weiterschreiten und tat, gat und hat in das gleiche Zeitwort fügen - csinalgattathatni - und erhalten folgerichtig: "ein wenig machen lassen können". Allerdings darf der Lehrling, der alles Bisherige geduldig aufgenommen hat, noch nicht meinen, die Prinzipien der Wortbildung alle zu kennen: gat-tat-hat gelten nur für Zeitwörter, die „tiefe" Vokale wie eben "a" enthalten. Ist das hohe "e" der charakteristische Laut des Wortes, verwandelt sich die Zauberformel in get-tet-het. Es herrscht das Gesetz der Vokalharmonie; es regelt die Auswahl der Silben und Laute, der Zwischensilben (Infixe), der Präfixe und Suffixe. Wir könnten vielleicht das Bild durch einen Vergleich klarer machen: die indogermanischen Sprachen sind wie Klaviere, in denen die Töne festgelegt sind; die finnisch-ugrischen wie Streichinstrumente, auf denen der Spieler nach schwer erlernbaren, aber dann selbstverständlichen Regeln seine Töne selbst erzeugt. Alle möglichen Zusammenstellungen kann kein Wörterbuch angeben. Sie sind unerhört zahlreich wie beim Schach die Möglichkeiten der Spielführung, deren Vielfalt doch klar formulierbare Regeln zugrunde liegen. Daß Ungarisch ein vielseitiges Streichinstrument ist, zeigt zum Beispiel die Tatsache, daß es eine Nachsilbe gibt, die man mit "zusammen" übersetzen könnte, die aber nur an Bezeichnungen von Familienangehörigen angehängt wird und je nach den Vokalen des betreffenden Wortes stul, stül, stal oder stöl heißen kann. Daß das Lautbild einer nach gefühlsmäßig erfaßbaren Regeln und stets nach Bedarf improvisierten Sprache für den, der einen Sinn heraushören will, verwirrend ist, ist äußerst naheliegend. Den Eindruck hat ein amerikanischer Physiker schön festgehalten, der mit den drei ungarischen Atomforschern: Eduard Teller, Leo Szilárd und János Neumann zusammenarbeitete: "Ihre mathematischen Fähigkeiten sind schreckenerregend" - sagte er - "aber das Erstaunlichste geschieht, wenn die drei allein bleiben. Im gleichen Augenblick schalten sie auf eine geheimnisvolle Sprache um, und man bemerkt, daß es Marsbewohner sein müssen." Schon lange vor dem Eisernen Vorhang umschloß das Land ein Vorhang aus zweiundzwanzig veränderlichen Nachsilben, die "hinein", "heraus", "von“, "durch", "mit" und anderes bedeuten, von denen aber manche ein gutes Dutzend Bedeutungen haben können. Hervorragende Männer, wie der Liederkomponist Robert Volkmann, wie Gustav Mahler, haben jahrelang in Ungarn gelebt, ohne auch nur durch den Vorhang zu blicken. Lenau, der unter "Donauschwaben" im Banat aufgewachsen war,verstand nur wenige Wörter, Franz Liszt überhaupt nichts und Reichsverweser Horthy, der auch früh in ausländische Schulen kam, sprach so jämmerlich, daß er nie eine Rede halten konnte - ein Umstand, der viel dazu beitrug, sein Ansehen zu heben (erst durch seine posthum veröffentlichte Korrespondenz wurde ihm die gebührende Verachtung zuteil). Umgekehrt nennen die Ungarn mit tiefstem Respekt die Seltenen, die das Kunststück zuwege brachten. Kaiserin Elisabeth, die schwergeprüfte Frau, die ihren Sohn verlor, die ermordet, später sogar als Sissy über die Filmleinwand geschleift wurde, lebt als einzige Herrscherin in der Legende weiter: sie erlernte das Ungarische! Nicht weniger berühmt als das gekrönte Haupt wurde ein wandernder deutscher Buchhändlergehilfe. Joseph Budenz war nach Ungarn gekommen und hatte in einem Jahr die Sprache gelernt. Er meinte, es wäre demnach auch möglich, die finnisch-ugrischen Sprachen kleiner in Rußland lebender Völker zu lernen, und studierte an Ort und Stelle Wogulisch, Ostjakisch und Tscheremisisch. Er, der das Ungarische als Erwachsener gelernt hatte, wurde Begründer der vergleichenden ural-altaischen Philologie und Universitätsprofessor in Budapest! So schwer es ist, aus der germanischen oder romanischen Welt in die ugrische einzudringen, so unmöglich ist es, diese einer später gelernten Sprache zuliebe zu verlassen. Ein junger Ungar stand vor einiger Zeit an einer bewegten Straßenkreuzung in New York. Ein gebrechliches Mütterchen trat zu ihm und bat höflich auf ungarisch: "Würden Sie die Freundlichkeit haben, mich über die Straße zu begleiten?" - "Gerne, natürlich", und der junge Mann gab ihr den Arm. Die Alte bedankte sich und ging ihrer Wege. Der junge Mann dachte nach: "Woher kannte sie mich? Sah sie mir an, daß ich Ungar bin?" Er holte sie ein und fragte: "Wieso haben Sie mich ungarisch angesprochen?" - "Mein lieber Sohn, wie hätte ich dich sonst ansprechen sollen? Ich lebe seit dreißig Jahren in dieser Stadt, aber ich habe noch kein Wort von ihrer Sprache Iernen können." In eine kleine Sprache eingeschlossen zu sein, ist ein beängstigendes Gefühl. Der Ungar tröstet sich damit, daß seine die größte aller finnisch-ugrischen Sprachen sei, da sie von etwa zwölf Millionen Menschen gesprochen wird, während das Wogulische kaum hunderttausend Leute verstehen, oder daß das älteste geschriebene Dokument der ganzen Sprachenfamilie eine ungarische Leichenrede des dreizehnten Jahrhunderts ist . . . ein schwacher Trost, eher eine Anregung, doch irgendwo in der weiten Welt Verwandte zu suchen. Auf der Suche nach fernen Verwandten wurde ein Ungar zum hervorragendsten Kenner des Tibetanischen, ein anderer zum Verfasser einer baskischen Grammatik und des baskisch-französischen Wörterbuches. Wenn es Verwandte gibt, scheint es heute, liegen sie anderswo, wahrscheinlich in Sibirien, östlich der gesuchten Urheimat. Scharfsinnige Untersuchungen, sie zu finden, sind noch nicht abgeschlossen. Das Wort für Stachelschwein ist in allen finnisch-ugrischen Sprachen sün (lies: schün). Da nördlich vom einundsechzigsten Breitengrad der Igel nirgends vorkommt, kann die Urheimat auch nicht höher im Norden gelegen sein . . . Wörter sind von dort sicher nach dem Osten wie nach dem Westen gewandert, selbst das Japanische hat, außer polynesischen Worten vom Süden, ural-altaische aus dem Westen erhalten. Jó heißt ungarisch "gut"- japanisch ist es joi. So (lies: scho) ist "das Salz" - japanisch shoi. Tó heißt ungarisch "der Teich". Das japanische Wort klingt anders, aber in der Ainu-Sprache Nordjapans ist to "der Teich"! Es ist schwer denkbar, daß die Reihe jo - sho - to nur zufällig in Ungarn das gleiche bedeuten sollte wie in Nippon! Nach allem Gesagten darf ich nunmehr annehmen, daß meine Leser imstande sind, ein ungarisches Märchen zu verstehen. Wie in vielen westlichen Märchen zieht auch da der arme Held in die weite Welt, um ein Königreich oder zumindest eine Prinzessin zu erobern. Seine Mutter gibt ihm vierzig in Asche gebackene Pogatschen (das treffliche Gebäck, das auch in unsrer entzauberten Zeit aus Mehl, Ei und Grieben bereitet wird), er bindet sich ein Lapu-Blatt (das breite Blatt einer am Wegrand wachsenden Pflanze) unter die Füße, er geht und geht, bis seine Beine bis zu den Knien abgewetzt sind . . . dann begegnet er einem alten Mütterchen mit einer eisernen Nase und sagt: "Guten Abend, Großmutter." "Dein Glück, daß du mich Großmutter genannt hast", sagt die Alte, "sonst wärst du den Tod des Todes gestorben wie neunundneunzig junge Männer vor dir. Aber weil du zu mir Großmutter gesagt hast, will ich dich verschonen und gebe dir einen Stab. Wenn du in Not bist oder vor eine unmögliche Aufgabe gestellt wirst, dann schwinge ihn und warte nur, was geschieht." Der Junge geht weiter und kommt dann weit, sehr weit, jenseits des Meeres von Operencia zu einem Schloß, das sich auf Entenfüßen dreht . . . dort gilt es hineinzukommen, den König aus einer peinlichen Lage zu befreien. Er nimmt den Zauberstab . . . und es dauert nicht mehr lange, bis er die feenhaft schöne Prinzessin freit und das halbe Land sein eigen nennt! Im Besitz des Stabes wäre es eine Spielerei, meinen Lesern im Handumdrehen die vollständige Kenntnis des Ungarischen zu übermitteln; sie könnten außer der ungarischen Küche, die keiner philologischen Einleitung bedarf und allen Zungen leicht zugänglich ist, außer der ungarischen Musik, die weit mehr Lärm als Freude macht, die ungarische Lyrik kennenlernen, die geheimste, tiefste, schönste aller Künste hinter der Sprachmauer . . . Es wäre der Mühe wert, denn die Lyrik hat immer das letzte Wort. Ich bin auf langen Wanderungen der Alten mit der eisernen Nase leider noch nicht begegnet, ich konnte ihr deswegen auch nicht "guten Abend, Großmutter" - jóestét öreganyám - sagen . . . und muß mich - was die ungarische Sprache betrifft - unverrichteter Dinge von meinen Lesern verabschieden. Das Buch geht auf eine Sendefolge im Dritten Programm des Norddeutschen Rundfunks und des Senders Freies Berlin zurück 1964, DVA, Stuttgart Alexander Lenard: http://www.mek.iif.hu/kiallit/lenard Quelle: Alexander Lenard: http://www.mek.iif.hu/kiallit/lenard/irasok/7tage/7tage.html | ||||
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2385 Posts - Magyar Vagyok carpe diem | Ja wie wahr, das liebe Ungarisch, ist alles nicht so einfach ![]() Wirklich gute Freunde sind Menschen, die uns ganz genau kennen, und trotzdem zu uns halten. Marie von Ebner-Eschenbach ![]() balaton-service.info goes wiki - Das bsi - wiki - portal b-s.i goes facebook ... und als b-s.i facebook Gruppe | ||||
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