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balaton-service.info - Das Forum für Ungarn / Sehenswertes, Kultur, Kneipenführer / K u l t u r / Angst vor einem Lendvai-Buch
In diesem Thread befinden sich 2 Posts.
Markus J. Marschner
icon01.gif Angst vor einem Lendvai-Buch - 10.10.2010, 12:25:03
Skype: markusmarschner
2385 Posts - Magyar Vagyok
carpe diem
Paul Lendvai darf sein kritisches Ungarn-Buch an der Botschaft in Berlin nicht vorstellen - diplomatische Beziehung sind in Gefahr.

Bevor das Ungarn-Buch von Paul Lendvai offiziell vorgestellt wird sorgt es für politischen Wirbel: Eine vereinbarte Präsentation des Ecowin-Verlages an der Österreichischen Botschaft in Berlin wurde von Botschafter Ralph Scheide kurzerhand abgesagt.

Er habe starke Bedenken, ein kritisches Buch über Ungarn vorzustellen, das könnte die Beziehungen zwischen den beiden Ländern gefährden und kritische Reaktionen der ungarischen Regierung auslösen, steht in einer Verlagskorrespondenz.

Der KURIER traf zuvor den bekannten und angesehenen Autor sowie Anton Pelinka, Professor an der Central European University in Budapest, zum Gespräch über Ungarn und den bevorstehenden EU-Vorsitz des Landes.

KURIER: Die Regierungspartei FIDESZ baut nach der Kommunalwahl ihre Herrschaft weiter aus. Regiert in Ungarn eine Einheitspartei?
Paul Lendvai: Der FIDESZ-Erfolg ist der Ausbau der totalen Macht. Ungarn ist auf dem Weg in die Vergangenheit, eine Sammelpartei gab es ja schon in den 1930er-Jahren. Viktor Orbán hat bei Wahlen sehr geschickt agiert: Einschneidende Budget- und Steuer-Maßnahmen hielt er geheim. Dadurch haben viele nicht begriffen, dass es gegen die Krise nur eine Sparpolitik geben kann. Übergangspremier Bajnai hat das erfolgreich gemacht.
Anton Pelinka: Die Schwäche der Opposition ist ein Problem. Genauso stark wie die linke Opposition ist die extreme Rechte. Jobbik ist nach demokratischen Standards nicht legitim. Die Frage ist, wie weit sich Ungarn - unabhängig von Regierung und FIDESZ-Dominanz - europäisiert. Wenn das der Fall ist, werden die FIDESZ-Bäume nicht in den Himmel wachsen. Wenn nicht, kann man von einem ungarischen Sonderweg in Europa sprechen. Es ist aber zu früh, so pessimistisch zu urteilen.

Jobbik ist im Parlament vertreten. Die Partei ist rassistisch und antisemitisch. Eine Splitter-Gruppe verantwortet Roma-Morde. Ist das mit EU-Werten vereinbar?
Pelinka: Entscheidend ist, ob Ungarn als Rechtsstaat entsprechend reagiert und diese Verbrechen ahndet. Da ist zu wenig passiert. Es wird erwartet, dass Orbán gegenüber Jobbik eine strenge Abgrenzungspolitik betreibt. Orbán ist zwar kein überzeugter Europäer, er will sich aber auch nicht von seiner Parteienfamilie, der Europäischen Volkspartei, entfremden.
Lendvai: Ich denke, dass Orbáns Taktik aufgehen wird, Jobbik aufzusaugen und zu zerschlagen. Das wirkliche Problem ist aber die Wirtschaftslage - und da sehe ich schwarz.

Ungarn stand 2008 vor dem Bankrott und wurde mithilfe von EU und IWF gerettet. Wie geht es weiter?
Lendvai: Man weiß es nicht, es passiert etwas Sonderbares. Orbán hat ja ein Super-Wirtschaftsministerium errichtet und das Finanzressort abgeschafft. Jetzt wird die Luft dünn um Superminister György Matolcsy. In seinem Ministerium herrscht Chaos. Viele Beamte wurden rausgeschmissen. Der Minister hat zuletzt zur Wirtschaftslage widersprüchliche Aussagen gemacht und damit vielen geschadet. Orbán sieht in ihm seine rechte Hand. Von führenden Ökonomen wird der Minister nicht geschätzt. Er ist ein totaler Versager.

Wie ist die aktuelle Stimmung der Bürger?
Pelinka: Es gibt die Annahme, dass Orbán eine raffinierte Strategie verfolgt. Er wartete die Kommunalwahlen von vergangenem Sonntag ab, bis dahin zeigte er Muskeln. Jetzt könnte er er den Austerity-Kurs, der unvermeidlich ist, fortführen. Man weiß es nicht, ob Orbáns Linie wahlkampfbedingt heiße Luft war oder ob das die Substanz der Regierung ist.



Anfang 2011 übernimmt Ungarn die EU-Präsidentschaft. Was ist zu erwarten?
Pelinka: Orbán will sich nicht blamieren wollen, er wird nicht provozieren. 2011 soll für ihn eine Erfolgsbilanz werden. Fraglich ist die Professionalität der Vorbereitung. Sein Stil ist "hire and fire". Ich höre aber Besorgnis über die Vorbereitung.
Lendvai: 30 Botschafter wurden zurückgerufen. Es gibt noch keinen Botschafter in Wien und Berlin. Orbáns Pluspunkt ist Außenminister Martonyi, ein sehr reicher Mann, der ausgezeichnet Französisch, Englisch und Deutsch spricht. Er ist das europäische Gesicht der Regierung. Inhaltlich wird Ungarn die Donaustrategie forcieren.

Ist der EU-Vorsitz Ungarns ein Thema in den Medien?
Pelinka: Die EU insgesamt wird wenig wahrgenommen.
Lendvai: Die Medien berichten über die politische Umstellung. Alle Institutionen werden von FIDESZ und Orbán beherrscht. Es gibt keinen Regierungschef in Europa mit dieser Macht.
Pelinka: Für Orbán und den EU-Vorsitz ist es ein Glück, dass die Slowakei im Nationalitäten-Streit deeskaliert.
Lendvai: Die ungarische Minderheit in den Nachbarländern ist die Frage der Zukunft.

Ab 1. Jänner können Mitglieder der ungarischen Minderheit Pässe beantragen. Ist das Interesse groß?
Lendvai: Vor Jahren hat es einen Ungarn-Ausweis gegeben, der Erleichterungen brachte. Von 2,5 bis drei Millionen Menschen nahmen 800.000 einen Ausweis. Entscheidend ist, ob sie das Wahlrecht bekommen. Dann könnte FIDESZ noch 20 Jahre weiterregieren.
Pelinka: Die EU ist nicht konsistent. Wenn Kroatien der EU beitritt und die kroatischen Staatsbürger Bosnien-Herzegowinas weiter das Wahlrecht in Kroatien haben, wird das zum Präzedenzfall für Ungarns Regierung, falls diese den Auslandsungarn das Wahlrecht geben will. Das schafft zweierlei Staatsbürgerschaften in der EU.

Wie ist die Haltung der Ungarn gegenüber der EU?
Lendvai: Es ist nicht begriffen worden, was der Beitritt bedeutet. Es gibt im Land eine anti-westliche Stimmung, auch gegen das ausländische Kapital. Ausländische Banken werden benachteiligt. Die liberale Presse schreibt nichts, sie ist mit der Demontage der Demokratie beschäftigt. Die rechte Seite mit der Vergangenheit, mit der Korruption. Die Atmosphäre ist hasserfüllt. Europa steht am Rande, auch bei der jungen Generation.
Pelinka: Auffallend ist ein rechter Anti-Amerikanismus. Auch Antisemitismus ist zu spüren. Ungarn ist pro Kopf das Land mit den meisten Nobelpreisträgern. Die kamen alle aus dem jüdischen Bürgertum.
Lendvai: Auch die großen Schriftsteller. Sie sind liberal, aristokratisch, jüdisch. Die rechte Seite hat nichts. Die große Gefahr ist die radikale Provinzialisierung.

Ungarn ist Österreichs beliebtester Nachbar. Warum?
Pelinka: Die Deutschen und die Ungarn waren die dominanten Nationalitäten in der ausgehenden Monarchie. Die Slawen und Italiener waren die Peripherie, sie erhoben sich gegen die Herrschaft.
Lendvai: Für Ungarn ist Österreich ein Maßstab. Das Pro-Kopf-Einkommen ist hier immer noch um die Hälfte höher. Auffallend ist, dass es für Ungarn in Österreich keine Schimpfworte gibt.

Der Stein des Anstoßes
Allein der doppeldeutige Titel "Mein verspieltes Land" macht neugierig. "Ungarn war lange Zeit der Schrittmacher. Nach der Wende gab es aber keinen Kassasturz. Diese Chance hat Ungarn verspielt, bis heute", sagt Lendvai.

Mit vielen Hintergrundinformationen, beschreibt er Ungarns Entwicklung von 1990 bis heute sowie die Staatslenker, ihre Leidenschaften, ihre Strategien und oftmals auch ihre Verstrickungen in Korruption.

Der bekannte Publizist und Osteuropa-Experte legt ein Werk vor, das mehr als Zeitgeschichte ist: Es ist ein Sittenbild Ungarns, das gerade die Ereignisse der vergangenen Monate, den dramatischen politischen Umbruch, beschreibt. Lendvai ist ein spannendes, persönliches und analytisches Buch gelungen.

Lendvai, Paul: Mein verspieltes Land. Ungarn im Umbruch, Ecowin-Verlag, Wien 2010, 252 Seiten, 23,60 Euro. Das Buch wird am 18. Oktober in Wien präsentiert.
Wirklich gute Freunde sind Menschen, die uns ganz genau kennen, und trotzdem zu uns halten.

Marie von Ebner-Eschenbach

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herbert1
icon01.gif Angst vor einem Lendvai-Buch - 11.10.2010, 04:41:49

2353 Posts - Magyar Vagyok
Vielen Dank Markus für diesen ausführlichen Literaturhinweis...
ich werde mir das Buch kaufen...
Bücher die so in der Kritik stehen ...sollte man lesen...
denn kein Rauch ohne Feuer.
Gerade wir als Ausländer sollten uns wegen der möglichen Entwicklung
(politisch und wirschaftlich) in Ungarn informieren.

Herbert1 (Hans Stein)
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